Startseite
    Alles auf Anfang
    sonstwas
    Gänsehaut
    Der zweite Versuch
  Über...
  Archiv
  Disclaimer
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren

http://myblog.de/kontraktionen

Gratis bloggen bei
myblog.de





Gänsehaut

Glut

Das Feuer im Kamin war heruntergebrannt, die Teller waren leer. In den Weingläsern spiegelte sich die Glut wieder.

 

Er räumte den Tisch ab. Nur die Weinflasche und die Gläser blieben stehen. Wir wollten uns einen gemütlichen Abend machen und das Essen mit einer Flasche Wein beenden. Die Weingläser stellte er zu der breiten Holzbank visavis vom Kamin. Die Holzbank sah sehr unbequem aus und ich erhob mich nur ungern aus dem weichen Gartenstuhl. Er bemerkte meinen Widerwillen und ging nochmal in Haus. Zurück kam er mit einem zusammengerollten Futon. Da erst begriff ich die Funktion der Bank. Es war ein Futonbett, das man zum Sofa umklappen konnte.

 

Die Rückenlehne knarrte leise als ich mich dagegenlehnte. Ich fand gefallen an diesem Möbel. Auch wenn es vorher nicht so ausgesehen hatte, war es bequem. Zufrieden lächelte er mich an. "Soll ich Dir eine Decke bringen oder Holz nachlegen?" "Beides. Meine Füße sind kalt."

 

Er kam mit einer Wolldecke und einem großen Kissen wieder, setzte sich zu mir und zog mir meine Schuhe aus. Die Füße zog ich auf das Sofa hoch und er legte mir die Wolldecke über die Beine. Das Kissen lehnte er an die Wand, an die meine Seite des Sofas stieß. So konnte ich  mich an das Kissen lehnen und meine Beine über seine hinweg ausstrecken. Die Decke hielt uns beide warm.

 

Leise knackte das Feuer während wir schweigend dasaßen. Wir hatten den ganzen Abend nicht viel geredet, die Stimmung war gedrückt. Es war unser letzter Abend und es war noch immer nicht das gesagt, was eigentlich hätte gesagt werden müssen.

 

Wie hypnotisiert starrten wir beide ins flackende Feuer. Es kam mir vor als wären Stunden vergangen, als ich bemerkte, wie er aufstand. Er kniete sich auf das Sofa, zog an der Rückenlehne und klappte sie nach hinten. Aus Sofa wurde Bett. Dann ging er wieder ins Haus und kam mit einer größeren Decke wieder. Das Kissen in meinem Rücken wurde zum Kopfkissen umfunktioniert auf dem wir beide Platz hatten.

 

Ich schmiegte mich in seine Arme und genoß die Wärme. Die Decke umhüllte uns wie ein Kokon. Die Welt schrumpfte auf die größe des Bettes zusammen. Alles außerhalb nahmen wir kaum noch wahr. Nicht die Autos, nicht die Stimmen in der Nachbarschaft, nicht den Igel, der über die Terasse wuselte. Draußen pulsierte das Leben, unter der Decke pulsierten nur noch unsere Körper. Aneinander geschmiegt, warme, wandernde Hände, küssende Lippen. Vergessen waren alle Probleme, die draußen auf uns warteten. Das hatte Zeit bis Morgen. Morgen war genug Zeit für Verzweiflung, Abschied und Tränen.

 

Wir liebten uns bis wir vor Erschöpfung einschliefen. Irgendwann wurde ich wach. Es war noch Nacht. Die Sterne glitzerten und der Mond stand hoch und voll am Himmel. Ich strich ihm das lange schwarze Haar aus dem Gesicht. Wie lange war es her, das wir uns das letzte Mal gesehen hatten? Zwanzig Jahre vielleicht und wir hatten uns im Streit getrennt. Und nun lag er vor mir, schlafend und lächelnd. Diese schönen vollen Lippen, der Schwung seiner Augenbrauen, die markante Nase. Wie sollte ich je diesen Anblick vergessen? Ich küßte ihn sanft. Damals hatte er mir das Herz gebrochen und heute? Heute brach ich beide Herzen auf einmal. Leise stand ich auf, zog mich an und ging. Als ich ins Auto stieg, schaute ich nochmal zurück. Da stand er nackt am Fenster und warf mir einen Kuß zu. Auch er hatte wohl nicht mehr geschlafen. Ich winkte und fuhr davon.

 

Auf einem einsamen Autobahnparkplatz machte ich halt. Tränen liefen mir über die Wangen und nahmen mir die Sicht. Erst als ich mich etwas beruhigt hatte, konnte ich weiter fahren. Heim, zu Mann und Kindern.....

 

18.6.07 18:01


Werbung


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung