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Der zweite Versuch

11.

Mittwochs telefonierte ich mit John. Wir verabredeten uns für den kommenden Freitag. Punkt 18.00 Uhr stand er dann auch freitags auf meiner Matte mit einem Strauß Rosen in der Hand. Die Begrüßung fiel sehr herzlich aus, da wir uns eine Weile nicht gesehen hatten. Wir verbrachten den Abend mit gutem Essen und mehreren Flaschen Wein. John erzählte von den neuesten Gerüchten aus unserem Dorf. Dabei kam auch Kuno wieder zur Sprache und das was ich dann hören mußte fand ich garnicht lustig. John plauderte über Kunos Leben aus dem Nähkästchen. "Als du damals nach Stuttgart zogst, war ich richtig traurig." sagte John. "Mit dir verlor ich eine gute Freundin. Ich bin froh, das du wieder aufgetaucht bist und wir wieder miteinander reden können. Kannst du dich noch an unseren letzten gemeinsamen Abend erinnern, als ich uns morgens um halb sechs die letzte Flasche Wein organisierte und wir dann gemeinsam nach Hause wankten?" Oh ja, dieser Abend bzw. diese Nacht hatte es in sich. Ein Weinfest, das nicht enden wollte und Weingläser, die nie leer wurden. "Etwa ein halbes Jahr später lernte Kuno seine Ex-Frau Veronika kennen. Zuerst war er ganz glücklich, dann wurde sie schwanger und sie heirateten etwas überstürzt. Kurze Zeit später begann das Drama. Kuno war immer ein Partytiger gewesen, das wußte Veronika. Trotzdem versuchte sie ihn von Heute auf Morgen einzusperren. Kuno machte das eine Weile mit bis ihm der Kragen platzte. Es gab eine laut­starke Auseinandersetzung,  die zur Folge hatte, das Kuno wieder regelmäßig Ausging. Um des Kindes willen blieb er bei Veronika, obwohl sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Nach drei Jahren trennten sich die beiden endgültig. Kuno boxte beim Jugendamt ein regelmäßiges Besuchsrecht durch. Das lief auch die letzten paar Jahre recht gut. Dann kam der Unfall. Bei einem Spaziergang rieß sich der Kleine los und lief prombt unter ein Auto. Schwer Verletzt wurde er ins Krankenhaus eingeliefert und Kuno wurde vorgeworfen, daß er die Aufsichtspflicht verletzt habe. Schließlich hätte er besser aufpassen müssen. Dies nahm Veronika zum Anlaß ihm zu drohen: entweder er käme wieder zu ihr zurück, oder sie würde dafür sorgen, daß er sein Kind nie wieder sehen würde. Das hat sich alles vor etwa fünf Wochen abgespielt." Jetzt wurde mir einiges klar. Ich saß eine Weile schweigend da und grübelte vor mich hin. Warum hatte er mir nicht gesagt, was wirklich geschehen war? John nahm mich in den Arm. "Ich weiß, das du ihn liebst. Das war schon immer so, aber laß ihm jetzt Zeit, wieder zu sich zu kommen. Wenn er begreift, daß Veronika die Liebe zu seinem Sohn ausnutzt um ihn beherrschen zu können, findet er den Weg schon wieder zu dir zurück. Im Moment läßt er niemanden an sich heran.
Vor diesem Unfall habe ich mich mit Kuno auf ein Bier im "Tandem" getroffen. Im laufe des Abends rückte er damit heraus, das die Gerüchte, die über euch beide grassierten, wahr sind. Er sprach von dir, wie von einer Göttin. Er betete dich regelrecht an. Wenn ich an die Szene während des Dorffestes denke, kann ich das alles noch garnicht glauben. Du und Kuno ein Paar!" John schüttelte verständnislos den Kopf. "Im Moment ja wohl nicht mehr! Er hat ja nicht mal Vertrauen genug, um mir zu sagen, was gesehen ist!" ereiferte ich mich. John drücke mich an sich um mich zu beruhigen. "Sei nicht so hart zu ihm. Kuno hat zwar die Intelligenz nicht unbedingt mit Löffeln gefressen, aber er ist auch kein einfacher Mensch. Ihn zu ver­stehen ist nicht immer leicht und unter der rauhen Schale steckt ein Sensibelchen. Deshalb hat Veronika auch so leichtes Spiel mit ihm. Er wird eine Weile brauchen, bis er versteht, was passiert ist."
Wir redeten noch Stundenlang weiter und gingen erst gegen Morgen schlafen. Das Wochenende verbrachten wir mit Reden, Essen und Spazieren gehen. Endlich konnte ich mir mal alles vom Herzen reden, was mich über viele Jahre bedrückt hatte. John nahm es gelassen hin, daß er als Psychiater mißbraucht wurde und er ermutigte mich dazu, wieder an die Zukunft zu denken. Der Plan wieder nach Hause zurückzukehren gährte schließlich schon lange in mir und war nicht erst mit Kuno aufgetaucht.

Als sich John sonntags von mir verabschiedet hatte war ich voller Zuversicht und Tatendrang. In den folgenden Wochen und Monaten, in denen ich nichts von Kuno hörte, arbeitete ich einen Schlachtplan aus, welche Maßnahmen ergriffen werden mußten, um einen gesicherten Umzug und alles was das nach nicht zieht, über die Bühne zu bekommen. Abend für Abend saß ich da und frischte altes Wissen wieder auf. Wer wußte schon, wofür ich meine Sprachkenntnisse noch brauchen sollte. Es stellte sich jedoch als sehr mühsam heraus. Nach so vielen Jahren war einiges verschüttet und ich war nun auch keine zwanzig Jahre mehr.

Nebenher arbeitete ich im Betrieb meines Freundes Wolfgang in der Datenerfassung. Angefangen hatte ich aus einer Gefälligkeit heraus aus der irgendwie ein festes zweites Arbeitsverhältnis wurde. Zweimal in der Woche  tippte ich mir abends die Finger wund aber es machte mir auch viel Spaß. Als ich Wolfgang mein Vorhaben erklärte war er bereit, mich in seiner Buchhaltung einzuarbeiten. Schließlich mußte ich eine Alternative haben, sofern ich nicht amtsintern versetzt werden konnte. Wenn ich dann abends nach Hause kam, war ich fix und fertig. Wolfgang freute sich natürlich darüber, denn endlich war er abends nicht mehr alleine im Büro und hatte jemand, den er nerven konnte. Täglich elf Stunden zu arbeiten war sehr anstrengend aber ich kam auf andere Gedanken.
15.3.07 10:34


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